2007 mit einem Anerkennungspreis des George Konell Förderpreises ausgezeichnet.
Herbstblatt
Es war einer der Tage, die sie „Seelenspiegel“ getauft hatte, weil sie eine ihr gut bekannte Stimmung widerspiegelten. Einer von vielen düsteren kalten Novembertagen. Es hatte geregnet, der Himmel war grau, wolkenverhangen, wie ein Fenster mit abweisenden, schweren Vorhängen davor.
Sanft fallender Regen auf der Haut war ein schönes Gefühl für sie, doch heute peitschte der Wind den Regen, machte ihn unbarmherzig und prasselnd.
Alle Leute verkrochen sich in ihren Häusern, und wenn sie nicht unbedingt vor die Tür mussten, dann ließen sie es bleiben.
Das gefiel ihr, denn so hatte sie die Straßen für sich, die der Wind regelrecht leergefegt hatte.
Langsam wanderte sie über den nass glitzernden Asphalt des einsamen Bürgersteigs und genoss es, dass ihre Schritte als einzige zu hören waren. Große Menschenmassen versetzten sie in Panik, sie brauchte Luft, Luft um sich herum. Sie hasste es, angestarrt zu werden – ob nun von fremden Menschen oder von Bekannten, die sie mit ihren Blicken absuchten, nach… irgendetwas, das ihr Verhalten erklären könnte.
Die Frage, was mit ihr los sei, war ihr schon viel zu oft gestellt worden, als dass jemand eine andere Antwort als ein bissiges, abweisendes „Nichts!“ erwarten könnte. Wie sie wusste, hatten die Leute die verschiedensten Interpretationen über sie parat.
Pubertät, sagten die einen, als ob das alles erklären würde.
Andere hielten sie für depressiv.
„Sie glaubt wohl, sie ist was besseres“ – auch das hatte sie schon gehört.
All diese Dinge registrierte sie, als beträfen sie jemand ganz anderen, was wahrscheinlich daran lag, dass keine der Interpretationen auf die Weise zutraf, wie sie sich selbst sah.
Am besten von den vielen Wörtern, die im Zusammenhang mit ihr schon genannt worden waren, hatte ihr „Melancholie“ gefallen. Das Wort hatte einen schönen Klang, und seine Bedeutung, eine Art süße Traurigkeit und Sehnsucht, war für sie greifbar.
Irgendjemand – eine Lehrerin, wenn sie sich nicht irrte – hatte einmal bemerkt, sie befände sich in ihrer eigenen kleinen Traumwelt, deshalb sei es schwer, an sie heranzukommen.
Das stimmte schon fast, nur dass es keine Welt der Träume, sondern der Gedanken war. Gedanken, die viel Platz und Zeit brauchten. Sie dachte nach, unablässig, düstere Gedanken, tobende Gedanken, die sich nicht abschütteln ließen, füllten ihren Kopf.
Aber es waren Gedanken, die sie niemandem erzählen wollte oder konnte, deshalb stauten sie sich auf und machten sie zu einer einsamen Grüblerin.
Langsam hob sie den Kopf und schaute in die Kronen der Bäume, die hier, im Villenviertel, die Straßen säumten. Sie waren fast kahl, nackt und dunkel streckten sie ihre Zweige wie Finger in den grauen Himmel.
Eins der braunen Blätter, die sich noch an die Zweige klammerten, löste sich in diesem Moment. Sie blieb stehen, um zu beobachten, wie es durch die Luft langsam Richtung Boden segelte. Leicht sah es aus, anmutig und unbeschwert.
Sie hatte sich so oft gewünscht, auch eines Tages so leicht zu sein, dass sie schweben konnte.
Doch das Blatt hatte sich erst vom Baum gelöst, als dieser alles grüne Leben aus ihm herausgesogen hatte, und sein anmutiger Tanz war eigentlich nur das nachlässige Spiel des Windes, der es herumwirbeln ließ.
Das Blatt fiel auf den Gehsteig. So schön sein Flug auch gewesen sein mochte, das änderte nichts daran, dass es nun am Boden lag, nichts weiter als feuchtes, langsam verrottendes Laub.
Während sie langsam weiterging, sann sie darüber nach.
Das nächste Mal blieb sie an einer Pfütze stehen. Sie beugte sich darüber, um einen Blick auf ihr Spiegelbild zu erhaschen. Im Wasser war ihr Abbild nur trüb und verschwommen, aber das machte nichts. Sie wollte gar nicht genau wissen, wie sie aussah.
Ihr Gesicht konnte sie nicht erkennen, denn ihre Haare fielen an seinen Seiten herab und warfen einen Schatten darüber. Mit ihren zerbrechlich wirkenden Fingern strich sie sich die Strähnen zurück. Selbst ihre Haare waren dünn und federleicht.
Aus ihrem Gesicht starrten sie ihre eigenen Augen beinah vorwurfsvoll an.
Sie trat mit einem Fuß in die Pfütze, sodass ihr Spiegelbild in alle Richtungen spritzte, schlang die Arme um den Körper, um sich zu wärmen und setzte ihren Weg fort.
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