Freitag, 15. April 2011

Café nr.1

Ich mache mal den Anfang mit meinem ersten Text aus unserem "Café" und hoffe, dass er nicht alleine bleibt :)


Sie hätte nie damit gerechnet, dass sie eines Tages als Kellnerin in einem Café enden würde. Noch dazu in einem wie diesem, dessen Mobiliar aussah wie auf dem Sperrmüll zusammengesucht.
In Zeiten, wenn keine Kundschaft kam und es keine Gläser zu polieren gab, stand sie einfach da und schaute zu, wie sich der alte Ventilator drehte. Wäre es ein modernes Gerät gewesen, wären seine Blätter viel zu schnell, als dass sie ihnen beim Rotieren zusehen und dabei die einzelnen Blätter erkennen hätte können. Bei einem modernen Ding würden sie zu einem undefinierbaren Schwirren verschmelzen. Dieser Ventilator war etwas größer als sie, ein Monster aus cremefarbener Plastikverkleidung und silbernem Metall, und wenn es ganz ruhig im Café war, konnte man ihn leise scheppern hören. Dies waren die trostlosesten  Momente, diejenigen, in denen sie sich fragte, was sie hier eigentlich tat. Sie hatte viele Pläne gehabt, da war sie sich sicher, und keinen davon verwirklicht. Stattdessen arbeitete, nein, jobbte sie als Kellnerin oder stand hinter der Bar. An die Pläne, die sie gehabt hatte, konnte sie sich nicht erinnern.
Deshalb war sie dankbar für die Ablenkung, und die kam in Gestalt der Gäste, unterschiedlichster Menschen. Von denen schienen viele noch Pläne zu haben oder zumindest Aufgaben, wenn auch nur von oben aufgesetzte. Da waren Geschäftsleute, die ihren Kaffee immer neben ihrem Laptop abstellten und ihn tranken, ohne einen Blick von ihrem Bildschirm abzuwenden. Oder gestresste Hausfrauen, die ihre Einkaufstüten ablegten und sich eine Pause gönnten, in der sie ein Stück Kuchen verschlangen. Wenn sie aufstanden, sahen sie oft aus, als hätten sie ein schlechtes Gewissen. Oder es kamen junge Mädchen, die ihre Köpfe über ihre heiße Schokolade beugten, um ihre Probleme zu besprechen, wobei sie einander verschwörerische Blicke über die Tassenränder hinweg zuwarfen und manchmal misstrauisch zur Theke hinüberlinsten, ob die Bedienung dort vielleicht nicht zuhörte.
Sie trocknete dann seelenruhig ihre Teller weiter ab. Denn meistens hörte sie zu, war aber inzwischen sehr gut darin, es sich nicht anmerken zu lassen. Natürlich lauschte sie nicht, weil Lästereien und Liebeskummer sie interessierten oder weil sie in ihrer Jugend nicht genug davon gehabt hatte. Sondern weil diese Mädchen noch die Fähigkeit hatten, sich selbst und die Welt für unendlich wichtig zu halten. Und das war eine willkommene Abwechslung zur Monotonie des Ventilators.

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